Radialsystem V, Berlin

Webseite(n):
www.radialsystem.de
Ansprechperson:
Folkert Uhde, Jochen Sandig
Beteiligt:
2 Partner, ca. 10 fix Angestellte
Typus:
Unternehmen
Branche:
Kunst , Musik
Rechtsform:
GesmbH
Ort:
Berlin
Recherche:
2009
Durchführung:
Bastian Lange

Professionelle Netzwerker schaffen Hotspot der Off-Kultur

Mit den eigenen Veranstaltungen „radial“, also in alle Richtungen auszustrahlen, ist das Credo von Folkert Uhde, einem der beiden Gesellschafter der Radialsystem V GmbH. Das Radialsystem V ist ein 2006 eröffnetes, privat getragenes Kulturhaus im Berliner Szene-Bezirk Friedrichshain, direkt an der Spree gelegen. Als Veranstaltungsort für Theater-, Musik- und Tanzproduktionen versteht es sich als Spiel-Raum für genreübergreifende künstlerische Darstellungsformen (mit einer rund 400 Besucher fassenden Halle sowie weiteren Sälen, Studios und Büros). 

Das ursprüngliche Backsteingebäude, eines der ersten Berliner Abwasser-Pumpwerke, wurde im Zweiten Weltkrieg zur Hälfte zerstört. Der denkmalgeschützte Altbau wurde Anfang der Nullerjahre von privaten Investoren (u.a. Stiftung Deutsche Klassenlotterie) um einen gläsernen Bauteil spektakulär erweitert und erhielt eine völlig neue Bestimmung. Die Betreibergesellschaft Radialsystem GmbH programmiert das neue Veranstaltungszentraum im Sinn eines breiten Spektrums an Partnern, Nutzungsformen – und Gästen. Radialsystem V ist Teil eines internationalen Netzwerkes und arbeitet kontinuierlich mit Opern, Konzernhäusern, Festivals, Hochschulen, Ensembles, Orchestern, Museen, Galerien und unabhängigen Veranstaltern sowie Firmen zusammen. Darüber hinaus wird das Haus von Wirtschaftsunternehmen, Verbänden und anderen Institutionen für Galas und Konferenzen etc. genutzt. 2008, im dritten Jahr des Bestehens, verteilt sich der Umsatz auf ca. 45% aus künstlerischen Veranstaltungen (ca. 45.000 verkaufte Tickets), 30% Vermietung der Räume an Dritte und ca. 25% Gastronomie.

Den laufenden Betrieb managen die beiden Gesellschafter der Radialsystem GmbH, Folkert Uhde und Jochen Sandig, beide mit viel Vor-Erfahrung im Management von Kulturinstitutionen, gemeinsam mit einem schlank gehaltenen Mitarbeiterstab – und ohne öffentliche Subventionen, dafür allerdings mit interessanten Finanzierungsformen: Beispielsweise wurde parallel zum Radialsystem V die Radialstiftung (http://www.radialstiftung.de/) eingerichtet, um größere und auch kleinere Spenden zu lukrieren, die z.T. für spezifische Produktionen bzw. Aktivitäten zweckgewidmet sind.

Das vorliegende Beispiel Radialsystem V soll v.a. die große Bedeutung von professionellem Netzwerkmanagement demonstrieren, die notwendig gewesen ist, um einen Kulturbetrieb sprichwörtlich von null auf hundert aus dem Boden zu stampfen. Auf Basis des Gesprächs mit einem der beiden Leiter der Institution, Folkert Uhde, wird aufgezeigt, wie soziale Netzwerke systematisch angelegt, verdichtet und explizit zwischen verschiedenen politischen, kulturellen und thematischen Sphären angelegt werden müssen. Darüber hinaus weist der Fall auf die Bedeutung der sozialräumlichen Verortung der Netzwerke hin. Anhand des Radialsystems V zeigt sich, dass die Position von Akteuren in neuen und noch nicht hinreichend formalisierten Netzwerken dadurch gestärkt werden kann, in dem diese durch eine räumliche Verankerung ihrer Tätigkeit Stabilität gewinnen. Gleichwohl bedarf es einer intelligenten Inszenierung dieses Ortes als sozialen Ort, damit er sich in das Bewusstsein von Netzwerkmitgliedern einprägt. 

Netzwerkpromoter

Im Fokus dieses Fall steht Folkert Uhde, der 1965 in Wilhelmshaven geboren wurde. Nach einer Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker studierte er Kommunikations- und Musikwissenschaft an der TU Berlin. Parallel studierte er Barockvioline an der Akademie für Alte Musik Bremen. Bis 1995 war er freiberuflich als Musiker tätig. 1995 gründete er die Agentur Folkert Uhde Konzert- & Projektmanagement, seit 1997 ist er Mitinhaber von Uhde und Harckensee Musikmanagement. Folkert Uhde war von 1997 bis 2008 Manager und Dramaturg der Akademie für Alte Musik Berlin. Er initiierte und programmierte mehrere Festivals, u.a. seit 2002 die Biennale Alter Musik Zeitfenster in Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus Berlin. Gemeinsam mit Jochen Sandig gründete er 2005 die Radialsystem V GmbH, seit 2006 ist er geschäftsführender Gesellschafter und künstlerischer Leiter des Radialsystem V. 

Radialsystem V lässt sich weder dem etablierten Kulturbetrieb zuordnen, noch der freien Szene. Den Spagat zwischen getrennten Systemen, den sie in ihrem Haus zu realisieren versuchen, verkörpern Uhde und sein Kollege Sandig erst einmal selbst. Die Haupttätigkeit von Uhde lässt sich als zunehmend professionelles Netzwerken zwischen unterschiedlichsten Genres, Teilmärkten und etablierten wie nicht-etablierten experimentellen Bereichen (Politik, Kunst, Diskurs) betrachten. Zur Etablierung oftmals neuer und nicht-etablierter Genres werden Mittel aus der Vermietung des seit 2006 existierenden Betriebs Radialsystem V in diese neuen Formate überführt. 

Das Radialsystem – Reputationsbildung durch Netzwerk- und Schnittstellenmanagement

Als das Radialsystem an der Spree 2006 mit einer großen Party und einer das gesamte Gebäude bespielenden Inszenierung von Sasha Waltz eröffnet wurde, war das entschieden mehr als einfach die Einweihung einer neuen Theater-, Konzert- und Tanzspielstätte. Das sogenannte „dialogische Prinzip“ ist für das Haus und seine Nutzung ausschlaggebend. Die Symbiose von Neu und Alt, die sich in der Architektur durch die Verbindung eines Industriedenkmals mit einem schlichten, gläsernen Neubau zeigt, spiegelt die Grundidee des Radialsystem V wider: Das Zusammenspiel von Tradition und Innovation, Musik und Tanz, Bildender Kunst und Neuen Medien, Kultur und Unternehmergeist. Das Radialsystem wurde zügig zur Operationsbasis für die unterschiedlichsten Aktivitäten: die Organisationsbasis für Sasha Waltz’ Inszenierung im noch leeren Neuen Museum wurde vom Radialsystem aus organisiert, ebenso das Independent-Musikfestival „all2gethernow“. Uhde hat im Radialsystem neue Konzertformate entwickelt, Barockmusik mit Elektronik kombiniert, Hochkultur mit freier Szene kurzgeschlossen.

Der Dialog von Kultur und Wirtschaft war dabei ein integraler Bestandteil des wirtschaftlichen Nutzungskonzeptes des Radialsystem V. Die Arbeit im Radialsystem V fußt auf der Überzeugung, dass das Zusammenspiel von künstlerischen und außerkünstlerischen Veranstaltungen Synergieeffekte erzielen und einen Mehrwert für beide Seiten schaffen kann. Neben dem künstlerischen Programm finden daher auch Veranstaltungen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien in den Räumlichkeiten des Radialsystem V statt. Das Haus verfügt über verschiedene Räume und Flächen auf insgesamt sechs Etagen, die für Konferenzen, Galaveranstaltungen, Empfänge, Partys und Fernsehproduktionen genutzt werden.

„Uns war von Anfang an klar, dass wir die Aufgabe Radialsystem V nur schaffen können, in dem wir unsere Netzwerke aktivieren. Und das war etwas, was uns am Anfang, also Jochen und mich, ziemlich gekickt hat. Als wir das herausgefunden haben, dass wir beide sehr große Netzwerke haben, die zum Teil kongruent sind, zum Teil aber völlig anders gelagert sind. Wir haben dann gesagt: wenn wir die zusammen werfen und sozusagen Netzwerk-Sparring praktizieren - ich kenn den, du kennst den -, dann kann die ganze Sache explodieren.“ (Uhde)

Wesentliche professionelle Tätigkeiten von Folkert Uhde vollzogen sich in der Zeit vor dem Radialsystem V in dezentralen, translokalen und meistens temporär-verorteten Netzwerken. Die „Setzung“ Radialsystem hat diesen sozialen Netzwerken wie ebenso den professionellen Tätigkeiten sowie den neuen Genres einen Anker angeboten, an dem einerseits junge Genres eine neue Heimat bekamen, wie ebenso das Maß an Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken immens erhöht wurde:

Frage: Aber vielleicht zurück zu dem Startpunkt Radialsystem und was das mit Netzwerken zu tun hat?

Uhde: „Wir haben von Anfang an, noch lange bevor wir eröffnet haben, sehr intensive Netzwerkarbeit betrieben, in dem Sinne, dass wir zu allen denkbaren oder möglichen oder wahrscheinlichen oder wünschenswerten Partnern und Institutionen gegangen sind. Wir haben gesagt: ‚Hört mal zu: wir planen eine ziemlich große Sache, wir möchten euch das gerne vorstellen.‘ Wir haben unendlich viele Baustellenführungen gemacht, im tiefsten Winter, so bei minus 15 Grad. Und haben uns hier sonst was abgefroren“. 

Noch bevor der Ort Radialsystem real wurde, haben Uhde und sein Mitstreiter Jochen Sandig mit Hilfe ihrer Netzwerke an einem Mindestmaß an Risikoabsicherung gearbeitet

Frage: Wie habt ihr Sicherheit für dieses Vorhaben erlangt? 

Uhde: „Es ging ja im Grunde bei diesem Vorhaben erst einmal darum, sich viele Freunde zu machen, in der Hoffnung, dass es, wenn es eng wird, einer von denen einem hilft. Und das ist dann auch tatsächlich so gewesen, also wir sind immer noch dabei und versuchen unser Netzwerk zu vergrößern. Aber wir haben in verschiedene Richtungen gearbeitet, was sich sehr verstärkt hat. Wir haben sehr stark gesellschaftlich in die Stadt rein gearbeitet. Wir sind z.B. Mitglied bei Berlin Partner, als einziger Kulturbetrieb. So haben wir die Möglichkeit, lokal auf Leitungsebene in die Unternehmen rein zu kommen und wiederum Unternehmen hier in das Radialsystem reinzuholen, auch für Veranstaltungen. Das ist natürlich auch ein Geben und Nehmen.“ 

Frage: Wie gelang euch das, eure Netzwerke systematisch zu erweitern?

Uhde: „Wir haben ja viele Kunden, die sich einmieten für größere Veranstaltungen. Das sind Ministerien, staatliche Organisationen, oder auf der Landesebene kulturelle oder politische Institutionen, aber natürlich auch viele Privatfirmen. Und wir haben von Anfang an versucht, jedes Event von uns hier zu nutzen, um unser Netzwerk zu erweitern, zu verdichten und zu qualifizieren, in dem man die Leute persönlich begrüßt, versucht irgendwie eine persönliche Beziehung herzustellen, um dann im Zweifelsfall in bestimmten Situationen, jemanden ansprechen zu können, der einen bei unseren Vorhaben aushelfen kann. Also, das man auf kurzem Wege jemand ansprechen kann, zu dem man vorher schon mal irgendwie einen gewissen Kontakt hatte und ihm dann auf Augenhöhe begegnen kann.“ 

Die Bedeutung des Ortes für Reputationsbildung

Das Erfolgsmodell des Kulturmanagers Uhde basiert im Wesentlichen auf ausbalancierten Strategien der Reputationsbildung. Ein Stützpfeiler ist die eigene erlernte musikalische Kompetenz in einem hochspeziellen Segment der klassischen Musik. Ein weiterer ist die ausgewiesene Fähigkeit, die damit verbundenen Genres mit neuen Genres zu „verschneiden“ und somit inhaltlich weiter zu entfalten. Diese frühzeitig erworbene Schnittstellenkompetenz findet seit wenigen Jahren eine sozialräumliche Heimat, die in Form des Radialsystems seine bauliche wie hybrid-institutionelle Entsprechung findet. Die damit erlangte Position als „Hausherr“ verhilft ihm Vernetzung in neuen und jungen Kontexten (freie Szene) wie ebenso in etablierten Kreisen von z.B. Kulturinstitutionen, globalen Firmen und politischen Gruppen.

Frage: Wäre das auch möglich gewesen, wenn ihr nicht diesen Ort und diese Lage hättet? 

Uhde: „Das hat schon sehr geholfen.“

Frage: Möglich wäre ja auch eine Agentur, die unabhängig an verschiedenen Orten arbeiten könnte?

Uhde: „Nee, das wird ganz bestimmt nicht funktionieren. Also, das haben wir, also das gehört zu den zentralen Erfahrungen, die wir gemacht haben. Wir sind ja als Ensemblemanager beide jahrelang in der Welt unterwegs gewesen. Ohne einen Ort zu haben. Und in dem Moment, wo man einen Ort hat, wird man seltsamerweise völlig anders akzeptiert und angesprochen. Egal was in unserem Haus stattfindet, ob der Bundespräsident kommt, oder Herr Steinmeier von der SPD, oder der Focus-Chefredakteur oder die Kanzlerin. Alle sind sozusagen qua Protokoll verpflichtet, einem die Hand zu schütteln. Das können sie nicht verweigern, weil man als Hausherr in dem Moment auf Augenhöhe ist. Auch wenn die für die Veranstaltung bezahlt haben, das Ding hier gemietet haben, man ist als Hausherr trotzdem immer auf Augenhöhe mit den jeweiligen Repräsentanten.“

Die Mühen der Ebene der Netzwerkarbeit

Trotz oder gerade aufgrund des bisherigen Erfolgs des Radialsystems V ist den dem Betreiber Folkert Uhde erstens klar, dass von Anbeginn an alles zusammen passen musste, um zu einer Erfolgsstory zu werden. Zweitens nennt Folkert Uhde auch die Mühen der Ebene, die damit verbunden sind. Als „Energiefresser Nr. 1“ erwähnt er die leeren Kilometer, die er und/oder sein Partner immer wieder mal zurücklegen müssen, wenn sie, wie sehr oft, etwas Neues planen und dafür Personen zusammenbringen wollen. 

Frage: Was ist für euch die unangenehmste Tätigkeit beim Radialsystem? 

Uhde: „Ich glaube, das Unangenehmste, das Anstrengendste, ist immer wieder auf Dinge zu hoffen, die dann aber in den seltensten Fällen eintreten. Also, das man immer wieder Hoffnung macht, wenn ich jetzt das mache und das und das und dann treffe ich den und dann passiert das. Und man investiert wahnsinnig viel Arbeit, wahnsinnig viel Energie, also auch wirklich so persönliche Kraft und am Ende ist dann außer Spesen nix gewesen. Das ist wahnsinnig anstrengend, wenn man immer wieder (hält kurz die Luft an), wenn man sich so voran arbeitet, und dann mit einem Mal klar ist (schlägt auf den Tisch): der Weg führt nicht weiter, die investierte Energie ist in den Wind geschossen. Das ist wahnsinnig anstrengend, wenn man sich selber daran so verbraucht.“

Frage: Wie geht ihr damit um, wenn von euch beiden jemand z.B. vier Wochen krank ist? Hofft man, dass der Kelch an einem vorbei geht oder wie geht ihr damit um?

Uhde: „Bis jetzt gab es keine dramatischen Krankheiten, aber es gab schon Zeiten, wo einer von uns ein bisschen abtauchen musste. Das konnten wir bis jetzt gut auffangen. Das gehört zu den Vorteilen, wenn man das nicht alleine macht. Also, nicht nur im eigenen Krankheitsfall, sondern wenn auch irgendwas anderes passiert. Dadurch, dass wir ein gutes Team haben, die sowieso wissen, dass wir immer am Anschlag ist, dann kann man selber mal sagen, jetzt mach ich hier mal drei Tage Pause.“

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