columbosnext ist eine 2004 gegründete Plattform in Innsbruck, die sich mit Architektur und Gesellschaft und der Initialisierung und Inszenierung kultureller, sozialer und urbaner Aktivitäten auseinandersetzt. Die rund 15 Mitglieder der Plattform kommen dabei aus verschiedenen kunstnahen Bereichen und sind vor allem an interdisziplinärer Kommunikation und Auseinandersetzung interessiert.
Das Ziel der Arbeit ist "das Schaffen einer Knautschzone zur vorgelebten Realität, innerhalb derer Gedanken und Konzepte frei zur Diskussion stehen" (ORF Online 2009). columbosnext setzt dabei subjektive Akzente zur Architektur, Urbanität und Kultur im Raum Innsbruck. Außerdem werden gesellschaftliche Angebote zur Lebensgestaltung und die Auseinandersetzung auf verschiedenen kulturellen Ebenen hinterfragt.
Die Mitglieder von columbosnext sehen sich dabei als Teil der gemeinsamen Plattform und arbeiten selbständig und selbstverantwortlich sowohl an eigenen als auch an gemeinsamen Projekten. Es gibt zwar eine Hauptansprechperson nach außen und Personen, die eher für administrative und organisatorische Angelegenheiten verantwortlich sind, dennoch wird versucht, die Arbeitslasten möglichst gleichmässig zu verteilen. Auch die gesamte Infrastruktur funktioniert im Sinne einer Solidargemeinschaft, d. h. Fotolabor, Werkstatt, Proberaum, Drucker, Küche etc. werden flexibel aufgeteilt und genutzt. Eine Konstitution als juristische Per-son, etwa in Form eines Vereins, wurde zwar innerhalb der Plattform mehrmals diskutiert, allerdings bislang ohne Ergebnis.
Ausgesprochen originell ist der Arbeitsort von columbosnext, das sogenannte „Stellwerk“ (vgl. das Foto http://www.columbosnext.com/stellwerk.htm). Dieses über den Gleisen gelegene „Gemeinschaftslabor“ an der Südbahnstraße fungiert zugleich als Arbeitsplatz, Vortragsort und Ausstellungshaus.
Die Stärke von columbosnext ergibt sich neben der Auffassung als Solidargemeinschaft vor allem aus der angesprochenen Vielfältigkeit der Zugänge der Mitglieder. Die permanente Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen der anderen Mitglieder führe zu ständiger Erneuerung, wie dies Maurizio Nardo, künstlerisch tätiges Mitglied von columbosnext, im Interview exemplarisch ausführt:
"Ich komme herein, Eki bastelt gerade ein Modell, Jakob bereitet Samples für einen Auftritt vor, Christian macht mit Rich Renderings für ein anderes Projekt, später kommen Walter und Verena und wir besprechen eine Einreichung bei 'Stadtpotenziale'. Die meisten gehen danach auf ein Konzert." (Interview mit Maurizio Nardo)
Gearbeitet wird bei columbosnext in wechselnden, kleinen Arbeitsgruppen, die sich je nach Projekt bilden. In der Regel wird ein Vorhaben verwirklicht, wenn zumindest drei Mitglieder an ihm interessiert sind. Es ist wichtig, dass alle an einem Projekt Beteiligten ihre jeweiligen Arbeits- und Sichtweisen einbringen können. Von zentraler Bedeutung bei der Durchführung von Projekten ist zudem, dass versucht wird, sich bei bestimmten Tätigkeiten laufend abzuwechseln (z. B. Antragstellungen, Modellbau, ...), um routineartiges Handeln zu minimieren und einen Lerneffekt zu erzielen. columbosnext funktioniert in diesem Sinne wie flexible, miteinander verwobene Kleinzellen, die sich gegenseitig ergänzen und in ständigem Austausch zueinander stehen.
Der kollektive Gedanke zieht sich bis in den finanziellen Bereich hinein. Honorare werden anteilig nach geschätztem, zeitlichem Aufwand verteilt. Nardo erzählt im Interview, dass es bei der Arbeit kaum zu Konflikten zwischen den Mitgliedern komme, möchte diese Behauptung dennoch als seine persönliche Ansicht verstehen, die vielleicht nicht von allen von Columbosnext geteilt werde:
"Bei scherwiegenden Grundsatz-Meinungsverschiedenheiten kommt es schon vor, dass wir einen Abend lang diskutieren und viel trinken. Es gibt aber keine Regeln, meist reagieren wir solidarisch, nach Bedarf - vergleichbar einem Freundeskreis." (Interview mit Maurizio Nardo)
Das Funktionieren als Solidargemeinschaft ist auch darauf zurückzuführen, dass die Mitglieder untereinander befreundet sind. Dies führt allerdings dazu, dass die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit stark verschwimmen, wie dies nicht unüblich für Organisationen und Personen im Kreativwirtschaftsbereich ist.
Die Idee zu einer interdisziplinären Plattform unter dem Namen "columbosnext" wurde von den Architekten Walter Prenner und Werner Burtscher während deren Diplomzeit angedacht. Zur Formierung kam es im Oktober 2004, als die beiden von der ÖBB in unmittelbarer Nähe des Innsbrucker Hauptbahnhofes ein Stellwerk anmieteten, in dem ab dort eine Reihe von Experimenten durchgeführt wurde. Das Stellwerkgeschoss umfasst dabei rund 60 m2, dazu kommt ein etwa gleich großer, so genannter Verschub, ein Labor "für die bizarrsten Kollisionen". In drei verschiedenen Programmschienen (cnarchitektur, cninterdisziplinär, cnup) wurden bislang rund 40 Projekte realisiert.
Die Projektpalette umfasst dabei Exkursionen und Vorträge zu architekturrelevanten Themen (z.B. im Rahmen der Architekturtage im Juni 2006), audiovisuelle Experimente (z.B. die Jam-Sessions in der Reihe "Sumotwister"), kleinere Ausstellungen bzw. Ausstellungsteilnahmen (z.B. die Audio-Clip-Produktion "Genius Loci" im Juni 2007), die Teilnahme an zahlreichen Architekturwettbewerben oder die Konzeption und Realisierung von Installationen (z.B. der Bau der begehbaren Bootskonstruktion "Operation Jason 01" für die Künstlerin Melanie Hollaus am Innsbrucker Karl-Rahner-Platz im Oktober 2008). Dabei ist über die Jahre hinweg eine Verschiebung zu größeren, interdisziplinären Projekten im öffentlichen Raum zu beobachten. So erntete columbosnext im Mai 2008 breite Anerkennung für die Realisierung einer temporären, begehbaren Plattform am Innsbrucker Innufer. Die Installation mit dem Titel "... ich will an den inn" erhielt u.a. die Auszeichnung des Landes Tirol "Neues Bauen 2008".
Nardo führt im Interview aus, dass sich die Situation für columbosnext in den letzten Jahren verbessert habe. Seit 2008 erhält die Plattform projektbezogene, öffentliche Subventionen von Bund, Land und Stadt, wodurch der Handlungsspielraum vergrößert wurde. Auch Stipendien (z.B. ein Schütte-Lihotzky-Stipendium) tragen zur finanziellen Lage bei. Nicht zuletzt angesichts drohender Budgetkürzungen ist columbosnext allerdings laufend auf der Suche nach möglichen Sponsoren aus der Privatwirtschaft. Die größte Herausforderung für columbosnext muss darin gesehen werden, die Balance zwischen nicht gewinnorientierten, eher kunstbezo-genen Projekten und eher architekturbezogenen Auftragsprojekten, die auch Ertrag abwerfen, zu finden.
columbosnext ist sehr gut in Innsbruck vernetzt. Gerade aufgrund der interdisziplinären Herangehensweise der Gruppe und der vielfältigen Zugänge der einzelnen Mitglieder bestehen intensive Kontakte sowohl zum engeren Kunst- und Kulturbereich als auch zu verschiedenen kreativwirtschaftlichen Bereichen, insbesondere der Architektur.
Nardo erzählt im Interview, dass er mit vielen Leuten aus unterschiedlichen Kulturvereinen aus dem Umfeld der p.m.k - einer mobilen Kulturplattform in Innsbruck - befreundet ist und in diesem Zusammenhang auch organisatorisch aktiv ist. Einzelne Mitglieder von columbosnext sind auch Mitglieder in Interessenverbänden und Dachverbänden, etwa im Vorstand von "aut - architektur und tirol", dem ehemaligen Architekturforum Tirol 2005. Auch überregional bestehen einige Verbindungen, etwa zu anderen Architekturgruppen oder zum Institut für Wissenschaft und Forschung (IWF) in Wien.
Wichtiger Bestandteil der Vernetzungsarbeit bei columbosnext sind die experimentellen Veranstaltungen und die anderweitigen Tätigkeiten einzelner Mitglieder, etwa Lehrtätigkeiten im universitären Zusammenhang, durch die sich neue Kontakte ergeben und potenziell neue Mitglieder "angeworben" werden. Im Interview verweist Nardo darauf, dass die Einbindung in bestehende Netzwerke für columbosnext wichtig sei und daher auch Teil der Strategie. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, Networking zur bloßen Gewohnheit werden zu lassen und sieht ein Problem darin, dass Meinungsverschiedenheiten durch die Networking-Kultur nivelliert bzw. nicht mehr wirklich ausgetragen und diskutiert werden. Gutes Networking bedeutet demnach für ihn, "[...] wenn die Summe mehr ist als die Teile und nicht ein Zusammenschrumpfen auf einen gemeinsamen Nenner [erfolgt]." (Interview mit Maurizio Nardo)
Kooperationen finden bei beinahe allen Projekten von columbosnext statt. Die Suche nach KooperationspartnerInnen verläuft dabei in beide Richtungen, d.h. einzelne Mitglieder sprechen potenzielle PartnerInnen entweder gezielt an oder umgekehrt. Die PartnerInnen wechseln dabei laufend, d.h. ein fixer KooperationspartnerInnen-Pool hat sich zumindest bislang noch nicht herausgebildet. Die Palette der PartnerInnen umfasst dabei sowohl Einzelpersonen (z. B. freischaffende KünstlerInnen) als auch Organisationen (z. B. andere Architektur- oder Kunstgruppen).
Nardo erzählt im Interview auch von den Problemen bei Kooperationen:
"Wir haben einige Male die Erfahrung gemacht, dass der Einsatz recht unterschiedlich war. Manchmal kamen wir zum Handkuss und mussten das Projekt auch für die Partner vorantreiben. Vom Lastesel zum Zugpferd sozusagen." (Interview mit Maurizio Nardo)
Wichtig ist daher die Definition einer genauen Arbeitsteilung, da sich sonst ein Kooperationspartner zu sehr auf den anderen verlässt. So kam es bei columbosnext schon vor, dass sich eine Anfrage zu einer beratenden, helfenden Funktion bei der Errichtung einer Installation zu einer de-facto-Übernahme der Realisierung des gesamten Projektes auswuchs. Derartige Vorkommnisse führen verständlicher Weise auch innerhalb der Plattform zu Spannungen.
Vermieden werden sollte nach Ansicht Nardos, dass die Zusammenarbeit mit externen KooperationspartnerInnen zum Reflex oder alleinigen Ziel eines Projekts wird. Nicht nur, dass die Qualität der Arbeit darunter leidet, kommt es durch die Überbetonung des Kooperationsaspektes seiner Meinung nach auch dazu, dass die "eigenen" Projekte zu stark in den Hintergrund gedrängt würden.
Ein Erfolgsfaktor von columbosnext liegt in der flexiblen, unkomplizierten Herangehensweise an Projekte begründet. Projekte entstehen entweder, indem jemand mit einem Vorschlag auf die Plattform zukommt oder indem selbst auf aktuelle Ereignisse reagiert wird. Nardo verneint im Interview die Frage, ob die Projektakquise dabei gezielt erfolge - und verweist damit indirekt auf ein nicht ausgeschöpftes Potenzial der Plattform.
Die Projekte, die zum einen für private KundInnen oder öffentlich-rechtliche Körperschaften, zum anderen aus eigenem Antrieb durchgeführt werden, sind dabei hauptsächlich auf den lokalen Bereich begrenzt. Die Teilnahme an Architekturwettbewerben erfolgt hingegen auch auf nationaler und internationaler Ebene. Aufgrund der vielfältigen Zugänge kann columbosnext bei den Projekten auf verschiedene Art und Weise in Erscheinung treten: von der bloßen Übernahme der Konstruktion und des Baus von Installationen bis hin zu Konzipierung, Planung, Einreichung, Fundraising, Realisierung, Dokumentation, Pressearbeit etc. von gesamten Kunstprojekten.
Als Nachteil der hochflexiblen Herangehensweise zeigt sich die Ungewissheit bezüglich des Aufwands bei Projekten. Die Leistungen sind zumeist sehr vage definiert, die Auftraggeber haben wenig Einblick in die Arbeitsweisen der Gruppe und den benötigten Aufwand. Es kommt vor, dass die Finanzierung von Projekten erst im Laufe der Realisierung wirklich geklärt wird.
Im Kunstbereich existiert für columbosnext - zumindest im lokalen und regionalen Kontext - keine Konkurrenz, da es keine vergleichbaren Gruppen gibt. Bei architektonischen Projekten sieht die Situation anders aus, wobei Nardo im Interview erklärt, dass columbosnext hier gewisser maßen einen "Freak"-Status besitze und sich noch nicht wirklich im Big Business erproben konnte. Interessant im Interview sind in diesem Zusammenhang jene Hinweise, die auf das Spannungsverhältnis zwischen dem eher kommerziell orientierten Architekturbereich und dem eher nicht kommerziell orientierten Kunstbereich abzielen - wobei die Grenzen zwischen diesen beiden Bereichen teilweise verschwimmen. Nardo weist hier etwa darauf hin, dass Projekte auch dann realisiert werden, wenn diese der gesamten Gruppe ein wichtiges Anliegen sind und finanzielle Engpässe zwar vorhanden sind, aber überschaubar bleiben. Die Arbeit von columbosnext ist somit ein ständiges Pendeln zwischen nicht gewinnorientiertem Idealismus und lukrativem Realismus.
Interview mit Maurizio Nardo, durchgeführt am 18. Dezember 2009
ORF Online (2009): columbosnext. Abseits von wirtschaftlichen Überlegungen, abrufbar unter http://oe1.orf.at/highlights/133554.html (27. Jänner 2010)